Die Rechnung bitte! Was Nicht-Nachhaltigkeit kostet

Von Melissa Hoffmann
8 Aufrufe
Die Rechnung bitte! Was Nicht-Nachhaltigkeit kostet

Vieles wird heute als nachhaltig vermarktet. Gleichzeitig zeigt sich immer wieder: Sobald andere Krisen in den Vordergrund rücken, verliert das Thema Nachhaltigkeit schnell an Aufmerksamkeit. Häufig gilt sie als zusätzlicher Kostenfaktor: etwas, das man sich „leisten können“ muss. Doch stimmt das überhaupt? Kann nachhaltiges Wirtschaften nicht auch wirtschaftlich sinnvoll sein? Und entstehen die wirklich hohen Kosten vielleicht gerade dann, wenn Nachhaltigkeit vernachlässigt wird? 


Diesen Fragen sind wir am 4. Juni gemeinsam mit Gründerinnen, Unternehmerinnen und Interessierten nachgegangen. Zusammen mit der Fabrik Chemnitz veranstaltete die Gründungsgarage Chemnitz das Mini-World-Café „Die Rechnung bitte! – Was Nicht-Nachhaltigkeit wirklich kostet“.


Doch was ist das, so ein Mini-World-Café?

Im Rahmen eines Mini-World-Cafés tauschen sich die Teilnehmenden in wechselnden, moderierten Kleingruppen mit verschiedenen thematischen Schwerpunkten aus. 

Das Format ermöglicht es allen Beteiligten, sich mit jedem Thema zu befassen und unterschiedliche Sichtweisen kennenzulernen. Die wichtigsten Ergebnisse werden anschließend von den Moderator*innen zusammengefasst und gemeinsam besprochen. 


Bei uns dauerte jede Gesprächsrunde 20 Minuten und wurde von einer fünfminütigen Pause unterbrochen, die zum Tischwechsel und zur kurzen Vorbereitung auf die nächste Runde genutzt werden konnte.

Wir haben dieses komplexe Thema in drei große Themenbereiche unterteilt, um uns dem großen Ganzen zu nähern:



Die ausgewählten Gesprächstische griffen zentrale Herausforderungen auf, mit denen Gründer*innen und Unternehmen im Alltag konfrontiert sind: Wie lassen sich wirtschaftlicher Erfolg und nachhaltiges Handeln miteinander verbinden? Welche versteckten Kosten entstehen durch nicht nachhaltige Entscheidungen? Und welche Chancen eröffnen sich, wenn ökologische und soziale Verantwortung frühzeitig in unternehmerische Prozesse integriert werden?


Gerade für junge Unternehmen ist Nachhaltigkeit nicht nur eine Frage der Haltung, sondern zunehmend auch ein Wettbewerbsfaktor. Kundinnen, Mitarbeitende und Investorinnen achten immer stärker darauf, wie Unternehmen wirtschaften – und langfristig können nachhaltige Entscheidungen dazu beitragen, Risiken zu minimieren, Ressourcen zu schonen und Innovationen anzustoßen.

Zur thematischen Einstimmung in das Thema hat Linda Hüttner (Gunter Hüttner + Co. GmbH) einen Impulsvortrag gegeben. Sie sprach von ihren Beweggründen, warum Nachhaltigkeit in ihrem Bauunternehmen ein Thema wurde. Der Baubereich kommt normalerweise nicht als Erstes in den Kopf, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Gerade deshalb fanden wir es interessant, eine Person davon berichten zu lassen, welche Ängste, Innovationen und Fortschritte es auch in dieser Branche gibt. 


Sie zeigte die Wirkung von Nachhaltigkeit aus zwei Perspektiven auf. Auf der positiven Seite gewannen Nachhaltigkeitsaspekte bei Auftraggebern an Bedeutung, intern stärkte das Engagement für Ressourcen und Arbeitsbedingungen die Wahrnehmung im Team. Etwa durch recycelte Kanthölzer, Recyclingbeton, Upcycling von Arbeitskleidung und konsequentes Abfallrecycling. Auf der anderen Seite standen die Risiken nicht-nachhaltigen Wirtschaftens: die Abhängigkeit von knappen, preislich schwankenden Ressourcen, steigende Energie-, Rohstoff- und Entsorgungskosten, ein Attraktivitätsverlust als Arbeitgeber sowie Wettbewerbsnachteile gegenüber nachhaltig aufgestellten Anbietern.


Veränderungen bieten Raum zur Improvisation

Eins vorweg: Das Mini-World-Café fand letztlich etwas anders statt als ursprünglich geplant. Obwohl es einige Anmeldungen gab, konnten wir am Veranstaltungstag nur einen Teil der angemeldeten Personen begrüßen. Also haben wir das Konzept kurzerhand angepasst.

Wir haben uns dazu entschieden, eine große Gruppe zu bilden, welche jeweils 20 Minuten über ein Thema redet, bevor sie den Tisch wechselt. Das hatte den Vorteil, dass die Personen, welche den Weg auf sich genommen haben, etwas in den Austausch kommen können, sowie dass die übrigen Moderator*innen bei den einzelnen Runden teilnehmen und somit ihren wertvollen Input mit einbringen können. 


Fachkräfte kosten – Fachkräftemangel noch mehr

Was macht einen guten Arbeitgeber aus, wurde am Tisch 1 gefragt. Das Bild war ziemlich klar: Verlässlichkeit, Vertrauen, faire und pünktliche Bezahlung. Auch Wertschätzung im echten Sinne hatte hohe Bedeutung, also die Mitarbeitenden als Individuen wahrzunehmen, ihnen Entwicklungsraum zu lassen und mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren.  

Die Kosten, welche anfallen, sind dann auch sehr konkret: Fluktuation und der damit verbundene Potenzial- und Wissensverlust. So entsteht ein Teufelskreis kurzfristigen Wirtschaftens: hohe Folgekosten, Imageschäden und ein Unternehmen, dem langfristig die Perspektive fehlt.


Kund*innen kaufen Zukunft mit

Auch der Tisch 2 startete persönlich: Die Teilnehmer reflektierten kurz, welche Dinge sie mitkonsumieren und zumindest einen kleinen, inneren Konflikt spüren. Streaming, Plastikverpackungen, Flugreisen, Fast Fashion. Möchte man es anders machen, dann stößt man auch schnell mal an seine Grenzen: Reparieren kostet Zeit, Elektromobilität Geld, energetische Sanierung beides. Was kostet es also, wenn Unternehmen diese Grenzen ignorieren oder so tun, als gäbe es sie nicht? Sie verlieren Partnerschaften, die nicht zu ihren Werten passen, und Kunden, welche den Widerspruch nicht mehr ertragen. Die Gruppe war sich einig, dass fehlendes Engagement gesehen wird. In einer Zeit, in der Konsumentinnen und Konsumenten selbst täglich abwägen und Kompromisse eingehen, erwarten sie dasselbe von den Unternehmen, denen sie ihr hart erarbeitetes Geld geben, indem sie von ihnen kaufen.  

Auch die Systemfrage kam auf: Wir wirtschaften in einem System, das auf Wachstum durch mehr Konsum ausgelegt ist, inklusive geplanter Obsoleszenz bei einigen Produkten. Das treibt genau die Kosten in die Höhe, die verantwortungsvolles Wirtschaften eigentlich senken will. Sowohl auf Unternehmensseite als auch bei den Kund*innen, die immer wieder neu kaufen müssen, statt auf langlebige Produkte zu vertrauen.


Material, Energie, Abhängigkeit

Am Tisch 3 wurde schnell deutlich, wie vielfältig Ressourcen sind, auf welche Betriebe täglich angewiesen sind, aber auch wie fragil ihr Zusammenspiel ist. Es wurde von Stromausfällen, fehlenden Ersatzteilen bis hin zu IT-Abhängigkeiten, welche beim kleinsten Ausfall ganze Prozesse lahmlegen, berichtet. Aber auch die „Ressource Mensch“ wurde angesprochen, so ist es besonders schmerzlich, wenn Individuen ausfallen, welche viel Wissen trugen. Dieser Punkt griff bereits Ansätze aus dem ersten Themenblock auf.  

Ebenfalls öffnete sich die Runde für weitere Blickwinkel und bezog soziologische Perspektiven mit ein: Durch das Wegfallen kultureller Treffpunkte fallen soziale Orte weg, in welchen früher Ideen und Visionen keimen konnten. 

Die diskutierten Antworten darauf reichten von technischen Ansätzen wie Redundanzen und präventiver Planung bis hin zu einem grundsätzlichen Umdenken, welches sich in Low-Tech und Slow-Tech äußern kann, sowie dem Aufbau belastbarer Netzwerke. Aber auch die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen, bevor es überhaupt erst zu Problemen kommt.


Eine ganzheitliche Entwicklung

Insgesamt wurde Nachhaltigkeit als ein Prozess verstanden, welcher stetig fortlaufend ist. Es erfordert Ressourcen, Haltung und Engagement, doch dies sind Investitionen, welche wirtschaftlich sinnvoll sind, da sonst Verluste von Fachkräften, Kund*innen und Partnerschaften drohen.  

Auch Wissensmanagement war ein verbindendes Thema, welches an allen drei Tischen diskutiert wurde, denn nachhaltiges Handeln setzt voraus, dass Wissen über Produkte, Prozesse und Zusammenhänge verfügbar ist und geteilt wird. Sowohl Konsument*innen als auch Unternehmen benötigen jenes Wissen, um nachhaltige Entscheidungen treffen und nachhaltige Angebote entwickeln zu können. 

Was Nachhaltigkeit kostet, lässt sich also nicht in einer einzelnen Rechnung feststellen. Sie zeigt sich in Ressourcen, die investiert, in Wissen, das geteilt, und in Haltung, die gelebt werden muss. Die eigentliche Rechnung sind schlussendlich die enttäuschten Kund*innen, welche abwandern, die Partnerschaften, welche zerbrechen, und das Wegwandern von Fachkräften.